Als ich an einem klaren Nachmittag in Kathmandu in die Weite blickte, eröffnete sich mir zum ersten Mal aus den sonst so dichten Wolken das Bergpanorama des Himalayas. In der Hoffnung, es zu erblicken, hatte ich jeden Morgen hinausgeschaut, doch es nun endlich vor mir in den Himmel ragen zu sehen, rührte mich noch tiefer, als ich es mir vorgestellt hatte. Wie eine gigantische Mauer erstrecken sich die weißen Riesen über das Tal – mystisch doch zugleich mit einer unmissverständlichen Kraft wecken sie ein Gefühl von Sehnsucht.
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Mehr InformationenAnfang Juni des Jahres 2025 sind mein Partner und ich zum erste Mal in Nepal. Ein lang ersehnter Traum ist es, einmal im Himalaya wandern zu gehen. Doch wo fangen wir an? Welche Routen gibt es, und wie bereiten wir uns darauf vor? Glücklicherweise lernen wir Rubin kennen. Er ist ein Guide und bietet hauptsächlich geführte Touren durch das Krematorium Pashupatinath in Kathmandu an. Sofort erklärt er sich bereit, uns auf unserer Reise zum heiligen See Gosaikunda zu begleiten.
Aufbruch in das Himalaya-Gebirge
Wir fahren sechs Stunden über holprige Straßen in ein kleines Dorf namens Dhunche. Zu Fuß laufen wir an einem kleinen Fluss entlang, bis wir bei unserer ersten Bleibe für die Nacht ankommen. Die gemütliche Holzhütte, umgeben vom satten Grün des Dickichts, schmiegt sich an das Flussufer, und aus der Küche weht der Duft von frisch gekochtem Reis.
Am Morgen ist es dann soweit: Wir stärken uns ein letztes mal mit Chai-Tee und Nudelsuppe und brechen in die grünen Wälder des Langtang Gebirges auf. Am ersten Tag laufen wir am längsten, eintausend Höhenmeter steigen wir hinauf. Auf dem Weg begegnen wir vielen anderen Wanderern, ein paar wenige Touristen wie wir, doch die meisten sind Nepalesen und beginnen ihre Pilgerreise. Jedes Jahr zum Vollmond-Festival „Janai Purnima“ finden Tausende Hindus und Buddhisten ihren Weg hinauf zum heiligen See. Wir sind fasziniert von der Willenskraft einiger Nepalesen. Während wir uns für den Aufstieg drei Tage Zeit nehmen, bewältigen sie ihn in einem Tag. Viele von Ihnen sind dabei sogar – ganz im nepalesischen Stil – nur in Schlappen unterwegs.
Eine Yak-Käserei auf 3330 Höhenmeter
Unsere zweite Nacht verbringen wir in einem kleinen Dorf namens Sing Gompa. Es wird die letzte Gelegenheit sein, warm zu duschen. Überraschenderweise hat das auf 3330 Metern hoch gelegene Dorf eine kleine Yak-Käserei – die perfekte Energiequelle zum Wandern. Wir packen uns ein paar Stücke Käse in Papier ein und laufen weiter. An diesem Tag merken wir, wie unser Atem schwerer wird und unsere Beine uns nur schleppend weitertragen wollen. Auf Rubin jedoch scheinen die äußeren Bedingungen keinen Einfluss zu haben. Wie eine Bergziege springt er uns voraus und mit seiner munteren Art findet er immer einen Weg, uns zum Weitergehen zu motivieren. Um uns herum verändert sich allmählich auch die Natur. Nur noch niedrig wachsendes Gestrüpp schlängelt sich den Pfad entlang, vereinzelt strahlen uns noch die Blüten von Hibiskussträuchern entgegen. Wir beschließen, den restlichen Tag in einer Berghütte zu verweilen, um uns an die Höhe zu gewöhnen.
Als wir mit den ersten Sonnenstrahlen aufwachen, können wir kaum glauben, was sich vor unseren Augen offenbart. Die mächtige Bergkette des Langtang Himal erhebt sich mit ihren blendend weißen Gipfeln vor dem tiefblauen Himmelzelt und wirkt dabei wie ein kunstvoll komponiertes Gemälde.
Klirrend klares Wasser
Wir machen uns auf, um das letzte Stück unserer Strecke zu schaffen, als es anfängt zu schneien. Im Sommer ein äußerst seltenes Phänomen, obwohl wir uns schon auf 4000 Metern befinden.
Nach einiger Zeit eröffnet sich der Anblick des glasklaren Sees, welcher sich in ein Tal umrandet von weißen Hügeln schmiegt. Das transparente Wasser bildet einen eindrucksvollen Kontrast zu den bunten Farbschlieren, die sich wie zarte Spuren auf den am Ufer liegenden Steinen abzeichnen – Überreste von Opfergaben und Gebeten der Pilger. Der hinduistischen Mythologie zufolge erschuf die Gottheit Shiva diesen heiligen See. Nachdem er ein mächtiges Gift getrunken hatte und seine brennende Kehle kühlen wollte, stieß er seinen Dreizack in die Erde und ließ daraus drei Quellen entspringen. Aus ihnen formten sich die auf 4360 Metern gelegenen Bergseen: der Sarawati Kunda, der Bhairav Kunda und der Gosaikunda.
Ein Ritual zur Klärung des Karmas
Wir beobachten, wie viele Gläubige in das kalte Wasser des Sees steigen. Nicht etwa, um sich zu erfrischen – das wäre auf so einer gewaltigen Höhe kein großer Genuss – vielmehr handelt es sich um ein Reinigungsritual. Dem Glauben nach solle man den gesamten Körper dreimal unter Wasser tauchen, um sein Karma „reinzuwaschen“.
Als am nächsten Morgen die Sonne ihre wärmenden Strahlen über den Berggipfeln und dem Seewasser verteilt und damit auch den Schnee wieder zum schmelzen bringt, gibt sie uns den Mut, es den Gläubigen gleich zu tun. Nach kurzer Überwindung steigen wir in das klirrend kalte Wasser und tauchen dreimal unter. Als wir mit dem Ritual fertig sind, sind wir umso dankbarer für die Wärme, die die Sonne an diesem Morgen mit ihren kräftigen Strahlen über uns legt.
Ob wir mit diesem Ritual tatsächlich unser Karma bereinigt haben, wissen nur die Berge selbst. Doch im gemeinsamen Erleben dieses Augenblicks öffnet sich in uns ein tiefes Gefühl der Verbundenheit zu diesem heiligen Ort. Das warme Lächeln der Nepalesen, die unser Treiben beobachteten, ließ uns ihre wohlwollende Zuneigung spüren. So wie die Berge in uns ihre stille Anziehungskraft entfalteten, machen sie zugleich sichtbar, was tief in jedem Menschen verankert ist: das grundlegende Bedürfnis nach innerem Frieden. In ihrer Ruhe und Beständigkeit offenbarten sie uns, dass wir diese Sehnsucht gemeinsam tragen.



