Bangkok: Moderne trifft auf streng bewahrte Tradition
Mit dem nächsten Tuk-Tuk knattern wir schon wieder durch die Dunkelheit zum Patpong Nachtmarkt, bummeln erst über die abgesperrte Meile mit ihren Souvenirständen voller unnützem Krimskrams und holen uns bei den Garküchen die tägliche Portion Pad Thai. Gleich daneben werben Go-Go-Bars mit zweifelhaften „Ping-Pong-Shows“.
Noch im 19. Jahrhundert war Bangkok eine schwimmende Stadt, durchzogen von unzähligen schmalen Wasserstraßen und Kanälen, den Khlongs. Über neunzig Prozent der Einwohner lebten damals in Floßhäusern. Eine Fahrt mit einem landestypischen Longtail Boot ermöglicht heute zumindest einen winzigen Eindruck vom Leben auf dem Wasser zu bekommen.
Kurzes Zwischenfazit Bangkok, schließlich kommen wir am Ende der Reise noch einmal kurz wieder: Die Stadt hat sich den Namen „Mega-City“ wirklich verdient, pulsierend und faszinierend. Mitunter aber auch zu heiß, zu laut und kräftezehrend, manches Mal wirklich herausfordernd und hart am Limit. Dann muss eine Pause eingelegt werden, in einem der kühlen, trendigen Cafés oder einem schattigen Plätzchen in einem der Parks. Gerade der Gegensatz von Moderne und streng bewahrter Tradition macht sie so einzigartig. Ob man nun ein Hotel in Sukhumvit, dem neuen Teil der Stadt, mit tollen Shopping Malls und guter Metro-Anbindung zu den Sehenswürdigkeiten, oder doch lieber in der Backpacker-Hochburg an der Khaosan Road wählt, ist reine Geschmackssache. Bangkok gehört für Liebhaber von Weltmetropolen definitiv auf die „Bucket List“.
Mit der Eisenbahn nach Surat Thani, Zwischenstation für Touristen, die die Inselwelt des Golfs von Thailand oder der Andamanensee erkunden wollen. Die Bahnstrecke verbindet Bangkok mit dem südlich des Landes angrenzenden Malaysia. Zug Nr. 43 ist schon ein älteres Modell, arbeitet sich langsam schaukelnd und leicht ächzend Bahnhof für Bahnhof die knapp 700 Kilometer Richtung Süden. Fast neun Stunden benötigt er dafür. Zeit, die wir nutzen, einfach mal aus dem Fenster zu schauen, Reisfelder und Palmen an uns vorbeiziehen zu lassen, und uns das Bewusstsein für Entfernungen zu bewahren. Viel zu sehen gibt es nicht, aber das muss auch nicht immer sein. Ein erstes Gefühl der Entschleunigung setzt ein.
Surat Thani ist eine unspektakuläre und unaufgeregte Großstadt in der gleichnamigen Provinz. Touristische Sehenswürdigkeiten gibt es keine; die Menschen leben hier vom Handel mit Holz, dem Fischfang und Bergbau. Hochhäuser, wie in Bangkok, sucht man ebenso vergebens wie bekannte Hotelketten. Der für Thailand typische Nachtmarkt bietet eine reichhaltige Auswahl einfacher, frisch zubereiteter Köstlichkeiten. Überall zischt und dampft es aus den Garküchen. Da kaum jemand ausreichend Englisch spricht und die Schilder ausschließlich auf Thai Auskunft über die Speisen geben, können wir nur grob einschätzen, was uns angeboten wird. Am sichersten, auch wegen der anstehenden Weiterreise, fühlen wir uns mit unserem üblichen vegetarischen Pad Thai und als Nachtisch Mango Sticky Rice, den wir auf einer Steinbank neben einem kleinen Tempel essen. Wir freuen uns, zwischendurch auch das untouristische, „normale“ Thailand zu erleben.
Individuelles Reisen leichtgemacht
Im beliebten Urlaubsort Ao Nang reihen sich entlang der Küstenstraße kilometerlang abwechselnd kleine Geschäfte mit nachgemachten Markenartikeln, insbesondere T-Shirts und wasserdichten North-Face-Taschen, Restaurants, Bars, Wechselstuben und Tattoo-Studios, noch touristischer geht es kaum. Es scheint hier auch mehr Coffee-Shops zu geben, als in ganz Amsterdam. In Thailand muss es kürzlich ebenfalls so etwas wie eine Cannabis-Legalisierung gegeben haben, denke ich. Ein Scooter-Verleiher bietet sogar beides an: Gras und Motorroller aus einer Hand. Erst noch schnell eine Tüte drehen, bevor man sich leicht zugedröhnt hinter den Lenker schwingt und relaxed auf Tour geht.
Auf der anderen Straßenseite der ebenso lange Stadtstrand- nicht spektakulär, aber durchaus annehmbar, mit schöner Aussicht auf die vorgelagerten Inseln. Hier warten die Longtail-Boote auf Touristen, die für einen Tagesausflug genau dorthin wollen. Wir haben für zwei Nächte ein Zimmer in einem schnuckeligen, kleinen Resort am Stadtrand gebucht, die Architektur erinnert ein bisschen an den Art-Deco Stil, als Ausgangspunkt, um dem bekannten Railay Beach einen Besuch abzustatten.
Der Süden: Atemberaubende Kalksteinformationen und herrliche Strände
Trotzdem beeindrucken mich die vielen kleinen Höhlen und Stalaktiten- oder sind es Stalagmiten? Am Ende des Weges erreichen wir den dritten und letzten Strand, Phranang. In einer Höhle stapeln sich neben dem blumengeschmückten Schrein einer Meeresprinzessin unzählige hölzerne Phallusse in allen Größen und Farben. Paare erbitten mit diesen Opfergaben Fruchtbarkeit und Nachwuchs. Etwas kurios, hinter mir tummeln sich ausgelassen die Strandbesucher- und vor mir dieser doch sehr spezielle Höhlenschrein.
Zu erwähnen sei noch, dass die Kalksteinfelsen von Railay Beach auch ein Mekka für Freeclimber sind. Auf dem Rückweg erfreuen uns noch ein paar putzige Brillenaffen in den Bäumen über uns.
Ein Schnellboot bringt uns in nur 45 Minuten Fahrtzeit vom Nopparat Thara Pier in Ao Nang auf die Insel Koh Yao Yai, mitten in der Phang Nga Bucht. Südlich ihrer kleineren Schwester Koh Yao Noi gelegen, soll sie noch ursprünglich und wenig touristisch sein. Wir sind gespannt.
Mit einem Motorroller erkunden wir die Insel. Das Navigieren ist denkbar einfach, denn es gibt im Prinzip nur eine Straße, die eine große Schleife über Koh Yao Yai dreht und dabei an allen wichtigen Wegpunkten, Piers und Stränden vorbeikommt.
Als Erstes steuern wir den Laem Haad Beach im Nordosten an, ein echtes „must-see“, zigtausendfach fotografisch auf Selfies verewigt. Das Ende des karibisch-weißen Strandes streckt seine spitze Sandzunge weit hinein in die blau-grüne, spiegelglatte Andamanensee. Gleich gegenüber liegt Koh Yao Noi, so dass man bei den hier stark ausgeprägten Gezeiten sich der Illusion hingeben könnte, bei Ebbe einfach mal eben rüber zu spazieren. Es ist wirklich phantastisch. Obwohl wir natürlich nicht einzigen hier sind, herrscht eine ruhige und chillige Atmosphäre.
Der Motorroller ist das perfekte Fortbewegungsmittel, um die Inseln zu erkunden
Weiter gehts. Trotz der sonnig-heißen Temperaturen ist es herrlich, entspannt über die Insel zu tuckern. Echten Straßenverkehr, gar Busse oder LKW, gibt es im Prinzip nicht. Nur Motorroller und ein paar Pick-Ups. Rechts und links der schmalen Asphaltstraße gleiten zahllose Kautschukplantagen, Palmen, Bananensträucher, kleine Verkaufsstände und Werkstätten, und natürlich auch ein paar einfache Restaurants, Rollerverleiher und etwas versteckt, einzelne Resorts und Bungalowanlagen, vorbei. Massentourismus? Fehlanzeige.
Die meisten Reisenden machen es so wie wir: sich einen Roller schnappen, ein wenig auf der Insel umherfahren, ab und zu an einem der idyllischen Strände ins Meer springen und den Tag in einem Restaurant mit einem Thai-Essen ausklingen lassen. Besonders gefällt mir zu sehen, wie die Einheimischen hier leben: in einfachen Bungalows, meist auf schattenspendenden Stelzen; darunter quasi der Keller des Hauses, genutzt als Garage, Abstellraum oder für ein Nickerchen in der Hängematte.
Die meisten Thailänder auf Koh Yao Yai sind Muslime, man sieht fast keine buddhistischen Tempel, dafür in jedem Örtchen die glänzend goldenen Kuppeln ihrer kleinen Moscheen. Morgens weckt uns der Muezzin.
Am zweiten Tag klappern wir den Süden der Insel ab und steuern als Erstes den abgeschiedenen Ao Sai Beach an, naturbelassen und nahezu unberührt. Lediglich ein kleines, provisorisches Restaurant hat eine Handvoll Sonnenschirme aufgestellt und bietet kalte Getränke an. Nicht weit davon: das kleine Fischerdorf Phru Nai, eigentlich nur ein paar Holzhütten an einer kleinen Bucht mit Pier. Überall liegt etwas rum, Netze, Fangkörbe und in der Luft ein strenger Geruch. Ein Fischkutter legt gerade ab. Hier ist nichts gestellt oder für Touristen arrangiert, das echte und einfache Leben der Einwohner von Koh Yao Yai.
Unsere letzte Station für heute ist der Loh Pared Beach auf der Westseite. Ein Strand ganz nach meinem Geschmack: gut erschlossen, aber nicht überlaufen, ein abkühlendes Bad im türkis-blauen Meer ohne schmerzende Steine unter den Füßen und ein ordentliches Seafood Restaurant mit Tischen direkt am Wasser. Zum Nachtisch gibt’s ein süßes Roti mit Banane und Nutella. Was will man mehr?
Was für ein Gegensatz: Phuket empfängt uns mit dichtem, lautem Straßenverkehr auf einer vierspurigen Ausfallstraße, auf der uns ein Grab vom Bong Rang Pier nach Phuket Old Town bringt. Im Vergleich dazu scheint auf der Nachbarinsel Koh Yao Yai die Zeit stehen geblieben sein.
In der Altstadt von Phuket sino-portugiesische Architektur entdecken
Phuket Old Town ist das historische Herz der Insel, geprägt durch den Zinnboom des 19. Jahrhunderts und eine reiche, multikulturelle Vergangenheit. Chinesische und europäische Einflüsse schufen den charakteristischen sino-portugiesischen Architekturstil, der heute in bunten, pastellfarbenen Ladenhäusern noch immer lebendig ist. Irgendwie erinnert mich das Viertel ein wenig an die alten, kolonialen Stadtzentren in Lateinamerika. Hier finden wir nicht nur ansprechende, kleine Geschäfte und Restaurants, sondern lassen es uns auch bei einer Massage gut gehen.
Beim Erkunden mit dem Motorroller präsentiert sich Phuket ebenfalls so ganz anders, als Koh Yao Yai. Im hektisch-wuseligen Straßenverkehr geht’s raus aus der Stadt. Die meisten meiner zweirädrigen Mitgenossen flitzen halsbrecherisch kreuz und quer zwischen den Autos durch- ich dagegen halte mich lieber vorsichtig immer schön links. Beim Abbiegen nach rechts wird’s in dem Gedränge mitunter allerdings doch etwas unübersichtlich.
Bei den schweißtreibenden Temperaturen zieht es uns ans Meer. Also wieder rauf auf die kleine Motorbiene, den Berg runtergesaust und Richtung Westen zum Kata Beach. Ein mittelschwerer Schock: Eine riesige, durchorganisierte Armada bestehend aus exakt ausgerichteten Sonnenschirmen und Plastikliegen erwartet uns. Einen Parkplatz für den Roller haben wir genauso mühsam gesucht, wie einen der wenige, schmalen Durchlässe zum Strand. Kata Beach wird beherrscht von großen, schicken Ferienresorts. Wir suchen schnell das Weite.
Also zweiter Versuch ganz im Süden der Insel. Der Rawai Beach galt früher als Geheimtipp, aber auch heute noch hat er eine überaus entspannte, lokale Atmosphäre. Einheimische Kinder spielen im Wasser, Longtails dümpeln in Ufernähe und wir liegen im Schatten unter Bäumen. Einfache Restaurants bieten frischen Fisch und Meeresfrüchte an.
Wir sind zum zweiten Mal auf unserer Reise wieder in Bangkok angekommen. Diesmal haben wir uns bequem mit Thai AirAsia herfliegen lassen und auf die lange Zugfahrt, so entschleunigend sie auch war, verzichtet.
Ohne „Bucket List“ einfach mal treiben lassen
Das Entspannte bei unserem erneuten Bangkok Aufenthalt ist, dass wir uns einfach treiben lassen können. Sehenswürdigkeiten, die wir uns noch unbedingt anschauen wollen, haben wir nicht mehr auf unserer persönlichen „Bucket List“
Das IconSiam, direkt am Westufer des Flusses Chao Phraya, ist ein spektakuläres Shoppingcenter der Superlative. Nicht nur architektonisch mehr als beeindruckend, beherbergt es zigtausende Luxus- und Designermarken, allesamt aufwendig präsentiert, und im Erdgeschoss gefühlt fast ebenso viele Garküchen, Restaurants und sogar einen künstlichen schwimmenden Markt. Wirklich einzigartig. Von der Außenterrasse hat man einen phantastischen Blick auf die Skyline von Bangkok.
Am Nachmittag dann das Kontrastprogramm: Der Lumphini Park wird oft als die grüne Lunge der Stadt bezeichnet und ist gleichzeitig eine Art Freizeitpark für Familien. Auf dem zentralen See schippern ein paar Freizeitkapitäne mit Miniatur- Fregatten rum, die zumindest optisch auch aus Lego sein könnten, und ein großer Plastikwal stößt eine Wasserfontäne dazu aus. Am Ufer dösen dutzende Wasserwarane im sanften Licht der Abendsonne.
Weiter geht’s über die „Green Mile“ (oft auch: „Green Bridge“) ein ca. 1,5 km langer Skywalk, der den Lumphini Park mit dem Benjakitti Park verbindet. Die Strecke führt über kleine Wohngebiete und eine Autobahn, was einen einzigartigen Kontrast zwischen traditionellen Häusern und den neu gebauten Wolkenkratzern bietet. Mir gefällt der weitaus ruhigere Benjakitti Park, mit seiner modernen Naturgestaltung und der vielfältigen Pflanzenwelt, tatsächlich ein wenig besser. Wirklich eine grüne Oase der Ruhe inmitten einer tosenden Metropole.
Zum Abschluss unserer Reise ein, im wahrsten Sinne des Wortes, letztes Highlight: Die Octave Rooftop Bar auf dem Dach (49. Etage) des Marriott Hotel Sukhumvit (Thong Lo) schenkt uns zur blauen Stunden einen atemberaubenden 360-Grad-Panoramablick auf die Skyline von Bangkok. In chilliger Atmosphäre, einem talentierten Live-DJ und mit leckeren Cocktails in der Hand schauen wir zu, wie sich der Tag verabschiedet und sich die Nacht über die pulsierende Megacity legt. Ein ganz besonderer, unvergesslicher Moment.
Roman von Oliver Erdmann
Der Reisebericht von Oliver Erdmann hat Euch gefallen und Ihr möchtet gerne mehr von ihm lesen? Dann könnte vielleicht seine erste Buchveröffentlichung, der Roman „Kolumbianische Träume“, genau das Richtige für Euch sein. Der junge Kokabauer Luis aus dem kolumbianischen Hochland, der Drogenboss Carlos aus Medellín und der Hafenarbeiter Maik schmuggeln eine Tonne hochreines Kokain von Südamerika nach Hamburg. Jeder von ihnen hat sein Schicksal selbst in der Hand und muss sich entscheiden, was er bereit ist, auf der Suche nach dem ganz persönlichen Glück auf’s Spiel zu setzen…









