Dellstedter Moor in Dithmarschen
Das Dellstedter Moor in Dithmarschen. Bild: © Monja Thiessen

Die Nordsee und ihre mystischen Orte

Von Sylt über Amrum und der Küste auf dem Festland bis zum Dithmarscher Land – die Nordsee hält einige mystische Orte bereit.

Megalithgräber auf Sylt

Auf Sylt sind mehr als 500 Grabhügel aus der Bronze- und Wikingerzeit bekannt, hinzu kommen fast 50 Megalithgräber aus der Jungsteinzeit. Nicht alle dieser Gräber sind heute noch so deutlich zu erkennen wie zum Beispiel das Steingrab „Denghoog“ nördlich von Wenningstedt. „Doch wer auf der Braderuper Heide oder oberhalb des Morsum Kliff genau hinsieht“, sagt Maike Lappoehn von der Naturschutzgemeinschaft Sylt, „sieht viele Grabhügel aus der Vor- und Frühgeschichte.“ Die dauerhafte Besiedlung der nordfriesischen Inseln begann vor ungefähr 5.500 Jahren. Die ehemaligen Jäger und Sammler wurden sesshaft. Und sie bauten ihren Verstorbenen auch Großsteingräber, gemeinschaftlich über Generationen als Totenkammer benutzt. Diese „Hünengräber“, rund 50 wurden auf Sylt errichtet, acht sind noch vollständig erhalten, sind nicht die einzigen Zeugnisse dieses Totenkultes: Auch die Leute der nachfolgenden Bronzezeit bestatteten ihre Toten in Hügeln, zuerst in Särgen und dann verbrannt in Urnen, in einem Grabhügel bei Morsum ließen sich beispielsweise 35 Gräber nachweisen. Der Sylter Osten ist von drei Seiten von Meer umgeben, gelegen unter dem hohen Himmel ist dies ist ein mystischer Ort, „…für mich zum Beispiel bei einer Wanderung in der morgendlichen oder abendlichen Dämmerung, wenn dann noch leichter Nebel über der Heide liegt.“ Wer hier wandert und immer wieder auf die Gräber blickt, hat das Gefühl, auf einer der Brücke in die Unendlichkeit unterwegs zu sein – einsam, karg, weit weg vom Rest der Welt.

Von sprechenden Gräbern und untergegangen Schiffen

Amrum; der Friedhof neben der St. Clemens-Kirche im Ort Nebel. Wind wispert in den Kronen der Bäume und die Grabsteine erzählen alte Geschichten. Die von Seefahrt und Seefahrern, vom Meer und auch von fernen Ländern. Ein Stein berichtet von einem Amrumer Lebenslauf, der so verrückt ist, dass er nur wahr sein kann – dem von Hark Olufs: als Kind schon Schiffsjunge, von Piraten gefangen und in Algier als Sklave verkauft, vermutlich zum Islam übergetreten und zum General des Herrschers aufgestiegen, nach Amrum zurückgekehrt – als mutmaßlich reicher Mann! – und rekonvertiert. Als Christenmensch begraben auf dem Friedhof von St. Clemens in Nebel auf Amrum. Hier liegen Männer, die Rang und Namen hatten, außerhalb des Ortes auf den Friedhof der Namenlosen diejenigen, die weder Rang hatten noch Namen. Denn brachte das Meer auch Wohlstand und Ehre, es brachte ebenso Tod und Verderben. Wie viele Schiffe gingen hier unter? Niemand hat sie je gezählt. Und die verlorenen, unbekannten Seelen, die das Meer nach stürmischer Nacht auf den Strand warf, wurden hier beerdigt. Der Weg führt hinaus auf diese unermessliche Sandmasse, nicht mehr Land, noch nicht Meer, vom Hochwasser oft genug überflutet. Wind greift nach der Kapuze, Sand knistert, der Weg irrt um verbliebenes Wasser und erste Dünen. Die Wellen laufen zischend auf dem Sand aus, vor der Küste tobt weiß und wütend die Brandung unter einem drohenden Himmel. Wer weiß schon, dass unter dem Kniepsand versunken und verborgen ein U-Boot aus dem Weltkrieg liegt. Und wie viele Schiffe noch. Von der Promenade in Wittdün kann man an manchen Tagen das Wrack der Pallas sehen, einer der spektakulärsten Strandungen der jüngeren Zeit. Und in dieser seltsamen, wilden Zwischenwelt auf dem Kniepsand werden sie wieder lebendig – abenteuerlichen Geschichten der See und der Seefahrt. Ein Ort voller Magie auch deshalb.
Grabsteine an der St. Clemens Kirche auf Amrum
Grabsteine an der St. Clemens Kirche auf Amrum. Bild: © Oliver Franke

Als Rungholt im Meer versank

Vor knapp 700 Jahren ertränkte eine Sintflut unvorstellbaren Ausmaßes die Nordseeküste. Ganze Landstriche versanken zwar nicht unbedingt auf einen Schlag, doch wurden sie unbewohnbar, Kulturland und Siedlungen wurden aufgegeben mit Haus und Hof und gingen im Laufe der Zeit in der Nordsee verloren. Und der Mythos Rungholt war geboren. Zeugnisse dieser Zeit – zum Beispiel Brunnenreste, Torfstiche, ehemalige Wohnhügel – kann man auf geführten Wattwanderungen durchaus sehen, in den einschlägigen Museen an der Westküste sind Fundstücke wie beispielsweise Kacheln oder Keramik ausgestellt. Kircheninventar wurde recycelt und ist noch heute in Gebrauch. Zentrum des großen Ertrinkens war die ehemalige Insel Strand und ihre Umgebung, heute liegen hier Pellworm und Nordstrand. Und die kleine Hallig Südfall, wo die meisten Fachleute das vermuten, was ein Siedlungsschwerpunkt des legendären und sagenhaften Rungholt gewesen sein könnte. Es ist ein schaurig-schönes Gefühl, über den Meeresboden zu gehen, dem altem Rungholt-Land, die Kühle und die Kraft des Meeres zu spüren, zu wissen, dass bald alles wieder überflutet sein wird; so, wie seit hunderten von Jahren. Spannend ist es, wenn Wattführer berichten, dass man nun das ehemalige Siedlungsgebiet des alten Obbenbüll oder Hersbüll betrete. Zu wissen, dass den Gast im nächsten Museum Totenschädel angrinsen. Von Menschen, die einst hier gelebt, geliebt und gearbeitet haben. Bis die Sintflut kam…. und als Mythos Rungholt wieder aufstand. Aber eben nicht nur als Legende, denn die Zeugnisse im Watt und Museum erzählen eine wahre Geschichte.

Der Natur ganz nah in Dithmarschen

Die Nordsee liegt kaum dreißig Kilometer weiter westlich von Delve und in dieser Kirche hängen drei prächtige Schiffsmodelle an der Decke. Das breite Wasser des Flusses Eider strömt nah der Kirche still und in weiten Schleifen zum Meer. Bisweilen war in Delve eine Flotte von bis zu 50 Segelschiffen beheimatet, über den Fluss hatte der Ort einen Zugang zur nahen See. Der Dithmarscher Gästeführer Johann Peter Franzen zum Beispiel, der seine Reisegruppen auch in die wildromantische Niederung der Flüsse Eider, Treene und Sorge führt, kennt auch die Legende dieser im 12. Jahrhundert gegründeten Delver Kirche: „Die Leute aus der Marsch und von der Geest waren sich nicht einig, wo sie ihre Kirche bauen sollten. Also banden sie abends ein Marienbildnis an ein Pferd und ließen es frei. Wo es sich morgens beim Grasen wiederfand, sollte die Kirche geründet werden.“ Dieser alte Ort auf der hohen Geest ist mehr als ein sicherer Hafen und ein heimeliger Ort zum Ankommen, er liegt in einer mystischen Gegend: In der Umgebung von Delve befinden sich große Moore wie das Dellstedter Birkwildmoor und Sumpfgebiete – verwunschene, geheimnisvolle Orte. Franzen fährt mit seinen Gästen auch in die Natur. „Nahe dem Ort liegt der Delver Koog, eine weite Niederung in einer Flussschleife, die mit Röhricht bewachsen ist – ein Vogelparadies.“ Wind zischt im Ried und wiegt es in Wellen. Im Frühjahr hört man die frohen Rufe der Kiebitze und das Quaken blauer Moorfrösche. Seeadler kreisen im Himmel. Magische Naturerlebnisse über das Jahr verteilt, und gewiss dann, wenn die Sonne an den stillen Wassern durch den Nebel bricht und die Glocken von St. Marien heimwärts läuten.

Das Heiligland in der Nordsee

Das heilige Land liegt auf offener See: „Alle Seefahrer, besonders die Piraten, meiden den Ort, daher hat er den Ort Heiligland erhalten“ – das schrieb der Kleriker und Chronist Adam von Bremen vor knapp tausend Jahren über den roten Felsen weit draußen in der Nordsee; Helgoland. Eremiten sollen damals dort gelebt haben, versorgt von Schiffen und mutigen Seeleuten, die sich dennoch her trauten. Heute liegt Helgoland auf offener See, ganz früher konnte man zu Fuß hin. In der Steinzeit verlief die Küste anders, die Nordsee in der heutigen Form gab es noch nicht. Die markanten Felsen dürften sich deutlich über eine weite Landschaft erhoben haben. Ein Ort, der Menschen gewiss unweigerlich anzog. Den Steinzeitleuten folgten die Menschen aus der Bronzezeit, sie gründeten einen Handelsplatz, das ist durch Funde belegt. Vermutlich betrieben sie einen Handel mit dem einzigartigen roten Helgoländer Feuerstein. Dann stieg der Meeresspiegel rasant, und das Land um die Felsen versank in den Fluten. Ab dem siebten Jahrhundert übernahmen die Friesen. Immer wieder war von einem Kultplatz auf Helgoland die Rede, von einer heiligen Quelle. Friesenkönige herrschten auf Helgoland, verehrt wurde der Gott Forsite – nach dem wurde Helgoland zu der Zeit wohl benannt. Christliche Missionierungsversuche scheiterten lange Zeit. Die Faktenlage vor dieser Zeit ist äußerst dünn bis nicht vorhanden, Sagen und Legenden indes spuken bis heute: ein germanisches Zentralheiligtum soll es gegeben haben, eine geheimnisvolle Bernstein-Insel soll Helgoland gewesen sein, gar Atlantis. Und oben auf dem Felsen? Ist es erhaben, weit reicht der Blick – wild und wunderbar. Und mystisch? Ja, auch. Wenn man sich von den Fabeln in das Reich der Phantasie entführen lässt.

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